Schmerz

Schwerpunkt Schmerz


Muss es denn immer Schmerzmittel und Kortison sein bei Gelenkserkrankungen?

Unser Gast, Herr Professor Haiko Sprott (Rheumatologe und Schmerzspezialist, Zürich) redet über mögliche Alternativmethoden.

(Sendung vom 30.12.2018)

Das kommt ganz darauf an. Du weisst ja, es gibt ein Riesenspektrum therapeutischer Möglichkeiten und wir müssen einfach auswählen, für den Patienten.

Aber ich weiss worauf du hinauswillst. Komplementäre Methoden. Die sind natürlich sehr effektiv. Zum Teil gibt es auch wirklich richtig gute Studien dazu. Also ich denke an Akupunktur, ich denke an Blutegeltherapie. Und bei der Blutegeltherapie, gerade im Bereich der Gelenke, an diesen Strukturen um die Gelenke herum, wenn man dort Blutegel einsetzt, dann weiss man aus Studien, dass die genauso effektiv sind wie andere Mittel, die man einsetzen kann, wie Antirheumatika, z.B.

Ich habe vor etwa 15 Jahren, als ich noch im Universitätsspital in Zürich in der Rheumaklinik war, die Methode dort eingeführt, und wir haben das sehr oft eingesetzt. Man nennt das Periarthropathien. Das sind so Entzündungen von Sehnenansätzen. Ein typisches Beispiel ist der Tennisellbogen. Und wir hatten da sehr sehr gute Erfolge. Genauso wie in den Studien erzielt.

Der Blutegel erkennt sein Opfer, das weiss man. Er sondert dann seinen Speichel ab, und darauf kommt es eigentlich an, weil in diesem Speichel sind die anti-entzündlichen Substanzen. Sehr viele sogar, man kennt noch nicht mal alle. Und er verbessert natürlich auch die Mikrozirkulation, weil er auch Druck vom Gewebe wegnimmt. Die beiden vertragen sich eigentlich gut in der Praxis. Der Blutegel ist dann irgendwann satt und fällt ab. Der Patient, der dann gut instruiert ist, der gibt dann spätestens in einer Woche ein Feedback, wie es ihm geht.

Also in meiner Praxis sind es eindeutig die Tennisellbogen, die sind die Nummer 1. Aber ich behandle natürlich auch die Erkrankungen beim Daumensattelgelenk, man sagt Rizarthrose dazu. Da gibt es auch Studien. Am Kniegelenk gibt es sehr sehr gute Studien und die Patienten, die zu mir kommen, haben schon alle möglichen Therapien hinter sich.

Es gibt interessante Untersuchungen, die zeigen: Wenn man z.B. Kortison an die Sehnenansatzstelle spritzt, dass es sich nur kurzzeitig bessert, aber auf ein Jahr z.B. sind die Beschwerden wieder genauso stark. Und eine Blutegeltherapie, ohne Kortison, kann dadurch eine ganz langanhaltende Wirkung zeigen, wenn man sie einsetzt.

Übrigens, interessanterweise sind diese Studien sehr gut publiziert und vom Design her viel besser als manche Studien mit Kortison, die viel häufiger, also diese Methode, die viel häufiger in der Praxis eingesetzt wird, ohne eine sehr gute Evidenz. Das ist noch beeindruckend für mich. Ich frage mich auch manchmal, warum wird es nicht viel häufiger verwendet.

Vielleicht, weil es nicht berechenbar ist. Es ist ein Tier. Tiere sind nicht berechenbar. Man weiss nie, wie lange der Blutegel wirklich saugt. Man muss seine Behandlungsräumlichkeiten danach planen. Es ist schwer planbar. Aber das sind jetzt irgendwelche Argumente, die ich mir ausdenke, aber die wahre Ursache weiss ich nicht.

Nebenwirkungen kann es geben. Es blutet sehr lang. Das muss der Patient wissen. Das ist nicht dramatisch, aber er muss einfach gut instruiert sein. Es kann auch jucken, es kann sich mal entzünden, das ist durchaus möglich. Schwere Nebenwirkungen habe ich selbst noch nie gehabt in der Praxis. Aber wenn sich jemand vor den Tieren ekelt, sollte man es nicht anwenden. Aber auch Bluter, bei Blutern sollte man es nicht anwenden. Oder wenn jemand eine schwere Anämie hat oder eine schwere Immunsuppression muss man sehr vorsichtig mit dieser Therapie sein. Insgesamt finde ich es eine tolle Therapie und ich wende sie heute noch regelmässig in meiner Praxis an.